Life is Strange – wie sich das Leben so spielt…

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Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, die Zeit um ein paar Minuten zurückdrehen zu können, um nicht ins Fettnäpfchen zu treten, einen sinnlosen Streit zu umgehen oder einfach nur um die Pizza im Ofen nicht anbrennen zu lassen? Was für unsereins unmöglich bleibt, ist für Max in Life is Strange von Dontnod Realität…

Videospiele werden immer realistischer.“ – Ein seit Jahrzehnten wiederholtes Mantra, das auf die Grafik zutreffen mag, nicht immer aber auf den Inhalt. In den Charts dominieren Rennautos, Waffen und Explosionen im Minutentakt – oft und gern auch beliebig kombiniert. Hauptsache schneller, lauter und mit mehr Polygonen als beim Vorgänger. In Zeiten, wo sich Menschen auf Yogamatten herumwälzen, um dem heiligen Gral der Entschleunigung näher zu kommen, muss die Frage erlaubt sein: Kann es nicht auch in Spielen mal ruhiger zugehen, ohne dass der Spaß verloren geht? Kann es und tut es auch schon in einigen Spielen, zum Beispiel in Life is Strange vom französischen Entwicklerstudio Dontnod.

Life is Strange überlässt dem Spieler die Kontrolle über die Protagonistin Max, die mit 18 Jahren nach Arcadia Bay kommt, um an der Blackwell Academy Fotografie zu studieren. Ganz neu ist ihr der Ort nicht, denn sie ist hier aufgewachsen, bevor sie vor fünf Jahren weggezogen ist. In der Zwischenzeit scheint sich einiges verändert zu haben – vor allem Max selbst. Sie besitzt nach einem Alptraum (oder einer Vision?) plötzlich die Fähigkeit, die Zeit um einige Minuten zurück zu drehen, ohne dass andere etwas davon bemerken. Außerdem scheint eine Schülerin der Blackwell Academy spurlos verschwunden zu sein. Dann ist da noch Chloe, Max‘ ehemals beste Freundin, die sich in den letzten fünf Jahren zu einem rebellischen Punk entwickelt hat und in ernsten Schwierigkeiten zu stecken scheint. Und was hat es eigentlich mit diesem Vortex Club, einer Art Verbindung für die Reichen und Schönen der Schule, auf sich?

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Life is Strange erscheint – wie man es z.B. schon von Telltale mit The Walking Dead oder Game of Thrones kennt – in Episodenform. Insgesamt besteht das Spiel aus fünf Episoden, die im Abstand von einigen Wochen veröffentlicht wurden/werden. Episode 1-4 sind bereits erhältlich, die letzte Episode erscheint voraussichtlich im Lauf der nächsten Wochen. Ebenfalls bereits von Telltale bekannt sind zahlreiche Entscheidungen, die man im Laufe der einzelnen Episoden treffen muss und die den späteren Verlauf der Geschichte beeinflussen. Weil völlig zu Recht jeder Spoiler hasst, sei nur so viel verraten: Was recht einfach beginnt, weitet sich im Laufe der Handlung zu durchaus schwierigen Konflikten aus, bei denen schon mal etwas Bedenkzeit nötig sein kann, damit sich die endgültige Entscheidung „richtig“ anfühlt.

Obwohl sich Life is Strange definitiv einige Aspekte von Telltale zu Eigen gemacht hat, gestaltet sich das Gameplay vor allem durch Max‘ Fähigkeit, die Zeit zurück zu drehen, freier und offener. Eine Mitschülerin wurde gerade von einem Football am Kopf getroffen – vielleicht wäre das Zurückdrehen der Zeit eine gute Möglichkeit, um sie vor dem Ball zu warnen und so ihre Sympathie und eventuell auch wichtige Informationen erlangen? Hilft man der Mitschülerin, wird sie sich das jedenfalls merken und sich im späteren Spielverlauf Max gegenüber anders verhalten. Durch diverse solcher Kleinigkeiten und Entscheidungen, die Max im Verlauf der Geschichte treffen muss, ergeben sich viele offene Kreuzungen, über die die Handlung sich unterschiedlich entwickeln kann – so können in zwei verschiedenen Spieldurchgängen viele Szenen komplett anders ausfallen.

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Was Life is Strange jedoch wirklich ausmacht, ist die Ruhe und Unaufgeregtheit mit der das Spiel seine Geschichte erzählt, ohne dabei aber ins Belanglose abzugleiten. Ohne Zeitdruck oder Anspannung lässt es Life is Strange seinen Spielern offen, durch die Gegend zu streifen und nach Fotomotiven zu suchen, die Pflanze in Max‘ Zimmer noch zu gießen oder einfach nur unter einem Baum zu sitzen und das bisher Geschehene in Gedanken zu rekapitulieren. Der wunderbare Soundtrack, der von Amanda Palmer bis Bright Eyes reicht und der simple, aber prägnante Grafikstil ergänzen diese ruhigen Momente, die in Videospielen so rar gesät sind, zu einem bleibenden Eindruck.

Natürlich ließe sich auch an Life is Strange Kritik üben – mit Klischees bezüglich amerikanischer Colleges geizt das Spiel nicht und einigen Figuren hätte etwas mehr charakterlicher Tiefgang sicher nicht geschadet. Wer Action am laufenden Band – oder zumindest Quick-Time-Events – erwartet und Zwischensequenzen für gewöhnlich lieber sofort überspringt, wird mit dem Spiel wenig bis gar nichts anfangen können. Wer jedoch dem Coming-of-Age Genre positiv gegenübersteht und eine Prise Donnie Darko zu schätzen weiß, dem offeriert Dontnod mit Life is Strange ein Stück interaktiver Unterhaltung der Extraklasse, das in Erinnerung bleibt. 

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